Sonntag, 8. Juni 2014

interlude: jenseits der echokammer

[ das hier ist aus der "restekiste" und bevor es den zeitlichen bezug verliert und weil es sich mit meinem aktuellen rant über das internet überschneidet, entsorge ich es mal schnell als "zwischenspiel." ]

claudia hat mir gerade attestiert, daß ich verbittert und meine reaktion auf sascha lobos wutrede eine "Beschimpfung der 'Netzgemeinde'" sei

ich weiss ja nicht, wie's dir so geht, wenn du was hörst oder liest ...

also diese art "aufreger". "der und der", der hat schon wieder ...

ich denke mal, es geht dir wie mir: du bist bereit, dich aufzuregen. stante pede!

D.E.R. S.C.H.O.N. W.I.E.D.E.R.!!!

kann der/die/das nicht einfach mal, also echt ... ein S.K.A.N.D.A.L. sondergleichen, das, da möchte man doch am liebsten mal so richtig ...

der gemeine wald&wiesen-lurch im kommentariat des handelsblattes zb. wünscht sich dann lauthals, daß der "verdammte jud" (den er halt bloß so noch nicht nennen darf) mal auf den "richtigen" trifft, der ihm so richtig eins verbrazzelt, und er sich besser das nächste mal dem chef der eigenen partei (Abfall für Debile) mit mehr respekt begegnet.

diese art ungehemmter ausbruch hat was sympathisches. man weiss, der, der so was schreibt ist ein debiles arschloch, man darf ihn ungeniert so nennen - und sollte das eigentlich auch tun, aber ich befürchte, die netiquette beim handelsblatt erlaubt zwar die eindeutige drohung gegen "den juden", aber das "debile arschloch" wäre nicht gestattet.

wir behalten das mal im auge, ich komme später noch einmal darauf zurück, okay? weil, eigentlich wollten wir zwei ja gerade mal darüber sinnieren, wie es _uns_ geht, wenn wir mal wieder was gelesen/gehört/gesehen haben, was in uns etwas auslöst und uns in eine reaktion treibt.

aus dem bauch heraus

nun hat meine generation ja mal gelernt, daß man öfters mal auf "seinen bauch hören" sollte. das ist so eine von den vielen äußerst dämlichen mythen meiner generation, weil sie es sich in teilen dann abgewöhnt hat, auch und vor allem zu denken.

was meine generation nicht gelernt hat, - nicht ihre schuld, wer hätte es sie denn lehren sollen? etwa die nazi-eltern???? - ist, jenseits des dialektischen "these, antithese, synthese" die existenz einer buntheit von positionen, die man zu einem thema einnehmen kann. geschweige denn die fähigkeit, auszuhalten, daß der andere dinge anders sieht und deren wichtigkeit für sich eben anders bewertet als man selbst.

wir sind da selbst gelehrige enkel der braunen zeit, manichäisch, für oder gegen, die "anderen" sind im irrtum, es macht keinen sinn, ihnen erst lang und breit zuzuhören.

auch diesen punkt, daß wir gerne davon abgehalten werden, jemandem zuzuhören, behalten wir mal im auge. könnte sein, daß das noch eine rolle spielt. oder auch nicht. "let's just keep in mind" ;-)

deshalb, unbeleckt vom geschwafel der anderen fällt es uns immer so leicht, sofort aus dem bauch heraus etwas empfinden zu müssen, daß es uns erlaubt, uns vom anderen abzugrenzen, unseren platz im eigenen rudel zu definieren und eine "meinung" zu haben.

okay, früher war das nicht so das problem. man konnte ja eine meinung haben und ... selige zeiten ... man konnte sie für sich behalten und musste sie nicht stante pede in 140 zeichen oder eine blogpost giessen und der welt zur kenntnis bringen. oder eben dem, was wir für diese welt halten, in der wir uns zuordnen oder abgrenzen müssen. warum auch immer.

meinung "gebildet". und nu?

weil du ja mitgedacht hast, hast du sicher bemerkt, daß ich auch das "meinung" in anführungszeichen setzen müsste, weil bis jetzt haben wir ja nur der entstehung eines impulses, eines reflexes basierend auf sympathie/antipathie dem gegenüber, was adressat und verursacher unserer instinktiven reaktion ist. so aus dem bauch heraus. wir haben ja gelernt, daß man mal öfter auf den bauch hören sollte, was es uns in der folge ungemein erleichtert, besagte 140 zeichen loszuballern. muss richtig sein. kommt aus dem bauch.

also sozusagen "straight from the heart", weil in unserer selbstwahrnehmung längst so etwas gibt wie eine kleine verschiebung des bauches in höhere regionen, was unsere "meinung" (hüstel) nun adelt. unser auftritt.

wenn wir mal für einen kurzen moment uns das internet wie eine kneipe, eine disko, einen schulhof ... von mir auch als debattierclub gebildeter geister ... vorstellen, verstehen wir die art, wie sich menschen dort bewegen oder aufführen vielleicht schneller. akzeptieren, daß die komplette bandbreite menschlicher dramen und "tunnelrealitäten" dort aufgeführt wird und wir nun einmal per se leben müssen mit ... müssen wir uns ja IRL (sagt man das noch? IRL?) auch.

und so ziehen, seit jeder vollhonk, der über ein tragbares telefon verfügt, mit dessen features man in den 50ern wohl alleine einen weltkonzern hätte gründen können, an der "öffentlichen debatte" teilnehmen und teil der "netzgemeinde" sein kann, nun einmal auch die sitten der honks mit ein in die debatte, das was claudia "das große gespräch" nennt.

ich bin nicht "verbittert", nur weil ich das so sehe.

wenn ich über etwas "verbittert" sein müsste, dann doch wohl eher über die hartnäckige projektion, mit der das gespenst "netzgemeinde" trotz all der erfahrungen und erkenntnisse, die sich aus all dem ziehen lassen müsste, was wir im letzten dutzend jahre erlebt haben ... und aus dem wir ja alles mögliche, honig, vergnügen, anerkennung oder ablehnung ziehen, aber eines nicht: konsequenzen.

geschweige denn die einfach erkenntnis, daß "das netz 2014" eine komplett andere veranstaltung ist als der ort, der die, die an so etwas wie eine "netzgemeinde" glauben, weil sie sich da sozialisiert - oder, weil sie den ganzen spaß, da sie schon immer dieses neumodische zeugs blöde und gefährlich fanden, es schlicht versemmelt/verpasst -  haben.

die party ist schon lange vorbei, aus dem kleinen fest in schummrigen buden ist eine hochglanzveranstaltung geworden, in der leute geld verdienen. oft die, die die party vor ein paar jahren noch total bescheuert fanden, aber seit sie dieses telefon mit all diesen tollen features besitzen ... man könnte fast meinen, sie hätten die party überhaupt erst veranstaltet.

ich weiss also echt nicht, was das sein soll "die netzgemeinde"

und wenn ich etwas so nennen, ist spott und hohn per se der mitzudenkende soundtrack. früher war nur die welt da draussen, das IRL, voller vollidioten, jetzt sind sie halt auch "im netz". sie mussten nicht mal da hin, es kam ja sozusagen zu ihnen, und ich wüsste nicht, was ich mit ihnen gemein hätte


man ist ja fast dankbar, daß mark zuckerberg denen dieses ding verpasste, in dem sie sich alle anmelden und dann wichtig machen können, wo man mal unbedingt mal rein musste, damit man dazu gehört.

muss ich erwähnen, daß ich immer noch kein handy geschweige denn ein f#ckbook-account habe?

ich will da verdammt nochmal nicht _dazugehören_

ich will im grunde überhaupt an keiner veranstaltung teilnehmen, wo man "dazu gehört", "wichtig" ist oder "was zu sagen" hat. ich habe nichts zu sagen, ich rede nur so daher und das macht es schwer, mich in eine von diesen beiden kisten stecken, die dafür oder die dagegen.

manchmal weiß ich halt "einfach nicht so recht" ... und muss damit zurecht kommen, daß es viele positionen gibt, von denen aus man auf etwas gucken kann und am ende auch nicht recht weiss, was jetzt "richtig" oder "falsch" ist.

was - ich denke das ist so etwas wie ein notmanöver meines gehirns, das mich vor uneindeutigkeiten retten will - bei mir dann zb. dazu führt, einfach woanders hinzugucken. also statt auf die show selbst auf deren veranstalter, statt auf die meinungen auf die, die sie in 140 zeichen oder einen gepfefferten kommentar gepresst haben.

weniger auf die themen selbst als auf die geschichte der themen.

oder darauf, warum eigentlich jemand bei einem thema diese oder jene meinung hat. das thema ist ja eigentlich ... nicht bemerkt? - beliebig. es sind ja in jeder wochen vier fantastilliarden dinge, die einem in einem digitalen zeitalter zur sekündlichen entscheidung vorgelegt werden, da ist ein like-button wahrscheinlich in der tat die einzig reele chance, die man hat ...

um was? etwas auszudrücken? eine stimme abzugeben? dabei gewesen zu sein, als ...? ernst genommen zu werden? von wem?

[ an der stelle habe ich dann die lust verloren, weil ich befürchtete, daß das, was ich sage, das letzte ist, was man hören möchte, wenn man seine illusionen dem internet gegenüber noch nicht verloren hat. ]

Kommentare:

  1. Eine andere Sicht aufs Internet: http://textdump.antville.org/stories/2199260/

    " Das Netz ist ein Werkzeug. Und die gesellschaftlichen Gruppen und Organisationen, die viel Macht und Geld haben, können sich dieses Werkzeugs tendenziell (wenn auch längst nicht immer) nachhaltiger und wirkungsvoller bedienen als die benachteiligten Gruppen."

    "Wenn auch längst nicht immer" - das ist eben die kleine Chance von so etwas wie "Netzgemeinde" (die es ja nicht gibt, wie alle immer betonen, um sich dann aber in einer Art zu äußern, als gehörten sie doch dazu), gelegentlich doch mal Einfluss auszuüben.

    Auch du schreibst hier nicht (und unterbrichst dein Radio-hören), damit es NIEMAND liest!

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  2. der artikel war ja gestern bei rivva.de und ich hatte ihn auch gelesen, leider nicht kommentiert, weil ich mich dazu wohl bei antville hätte anmelden müssen und man bleibt nach 20 jahren eben nicht bei einem knappen dutzend google einträgen, wenn man sich überall anmeldet ;-)

    ich kann dieses "kapitalismus" gejammer schon nicht mehr hören. es ist nicht "der kapitalismus", der dazu führt, daß die dinge so sind, wie sie sind. es sind WIR, die das machen, wenn wir f#c#kbook nutzen.

    es ist okay, wenn du dir das von mir nicht nehmen lassen willst, nur das gute zu sehen, während ich denke, wir haben unserem feind eine geladene waffe in die hand gedrückt ...

    in der sache: "whataboutism"

    daß das eine stimmt heisst nicht, daß man das andere ausblenden kann.

    das ist ein lieblingszankpunkt zwischen dir und mir - du denkst, du kannst das, was aus dem netz tatsächlich geworden ist, ausblenden, in dem du seine guten seiten betonst. das machst du mit einer bewunderswerten halsstarrigkeit ;-)

    ich habe übrigens gestern an einem ort, wo man kaffee trinkt, man nachgeguckt und erwartenswerter weise gibt es dort auch eine lanier ablehnende haltung.

    [..] "Netzgemeinde"

    ich habe nichts zu schaffen mit leuten, die "wichtig" sind, weil sie im internet existieren. ich bins jedenfalls nicht und ich gebe mir mühe, so verschwurbelt und unlesbar daher zu kommen, daß man kämpfen muss mit meinen texten - die man im grunde nur mögen kann, wenn man auch grateful dead konzerte mag, mit denen haben sie ne menge gemein.

    claudia, was lanier da sagt ist das, was ich hier seit jahren sage. das kann man wegwischen mit einer reaktion à la spiegel. das lindert die wunde seele. oder man kann sich endlich mal der erkenntnis stellen und damit umgehen. diesen punkt sehe ich noch lange nicht erreicht.

    [..] einfluss

    ja, klaus hatte einfluss auf mich.ich bin froh, daß es das internet gibt, weil es momente geben kann, in denen der einzelne etwas wie miteinander und erkenntnis finden kann - aber klaus ist nicht "gemeinde", er ist ein "alleiner" wie ich. das was er tut, hat so wenig einfluss auf "das alles" wie ich - und darüber rede ich.

    WIR haben die wahl verloren, snowden sitzt in moskau fest ... wir haben keinen einfluss, wir sind luschen, die sich wohlfühlen bei dem gedanken, wir wären zu was nutze. sind wir nicht.

    nützlich sind ukrainische watchblogs, die die lügen putins aufdecken. nützlich ist - bis einem gewissen grad, ansonsten auch nur so eine skandalgeneriermaschine, ist der bildblog etc.

    und, äh, ich schreibe für MICH. nur weil ich das tue, kann ich es so tun, wie ich es tue ohne rücksicht darauf, ob das irgendwas "bewirkt". ich denke laut nach, das ist alles, ich erzähle von mir und schwinge keine fensterreden an eine imaginäre gemeinde, die morgen woanders "gemeindet"

    ich will keinen einfluss. wenn ich es bei einem erreiche, daß er nachdenkt und eine andere position einnimmt, wenn ich nur einen dazu kriege, zu _hören_ statt zu _reden_ sterbe ich glücklich ;-)

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  3. ach ja. nochmal danke. du hast vielleicht bemerkt, daß ich die möglichkeit, posts direkt an f#c#book oder google+ zu schicken, entfernt habe ...

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